Erinnerungen an Konzentrationslager: Dachau, Gusen, Auschwitz, Gross Rosen, Hersbruck, Dachau
Was wird mit Polen?

Unter uns waren auch deutsche Häftlinge. Mit einigen habe ich gesprochen, bis ein Thema auftauchte: was wird mit Polen, wenn der Krieg zu Ende kommt? Der erste Gesprächspartner war ein Deutscher aus Breslau, Katholik, Ingenieur. Als wir das Gespräch zu diesem Thema angefangen haben – sagte er mit einer nervösen und augeregten Stimme: „Polen? nie im Leben”. „Nicht deshalb haben wir den Krieg mit Polen angefangen, um weiteres Bestehen von Polen zu sichern”. Also dann habe ich als Gesprächspartner einen „Schwarzen” (Schwarzer Winkel) ausgesucht. Dieser hat seine starke Verwunderung ausgedrückt, dass ich vom so etwas wie freies Polen überhaupt denke. Das hat keinen Sinn. Ein anderes Mal mein Gesprächspartner war ein Geschäftsreisende, der Polen als Vertreter einer Metallfirma bereiste. Er konnte sogar polnisch. Er ließ sich einen Gedanken über freies Polen herausköpfen. Hitler wird sich mit dieser Meinung nie übereinstimmen (darüber zu sprechen, dass er den Krieg verlieren kann, war in den Lagerverhältnissen zu riskant).

Hier in Dachau, als der Häftling „zur Erholung” lernte ich eine neue Lebensschule, ich lernte das Lager. Für immer habe ich einige „Bilder”im Gedächtnis behalten. Mein guter Kollege war sehr sympathischer Bartosik, Kaufmann aus Chorzów. Er litt an Nierenschmerzen. Er hat sich zur Arbeit gemeldet um ein Liter Suppe zu bekommen – denn er litt einen großen Hunger. Am Mittag kehrte er von der Arbeit zurück, aber er war sehr erschrocken. Er erzählte, dass am Tor gab es eine Revision und in den Tachenecken wurden einige Bröckchen vom Tabak gefunden. Am Abend hat man ihn gerufen und abgeführt. Er wurde zum Blockdachboden geführt, wo in dem Boden geankert standen Pfosten mit Ketten. Es waren einige Häftlinge. Vor dem Pfosten stand ein kleiner Stuhl, auf den er steigen soll – und dann wurden ihm die Hände nach hinten verrenkt und Armringe mit Ketten aufgelegt und die Ketten wurden zum Pfosten befestigt. Der Stuhl wurde abgeschoben und Bartosik „wurde aufgehängt” auf der Kette. Es gab etwa 20 solchen aufgehängten Delinquenten. Zwischen den Pfosten spazierten die SS-Männer, und die aufgehetzten Hunde haben die Hosenbeine der Häftlinge gerissen, was Schaukelbewegung des Häftlings hervorrief.  Wieviel Verfluchungen, wieviel Verwünschungen, wie viel Häftlinge haben die Mutter verflucht, dass sie ihn geboren hat – das kann man heute nach so vielen Jahren sehr schwer wiederholen. Bartosik war „fertig”, aber die Kollegen haben aus Handtücher kalte Umschläge gemacht, haben schmerzhafte Stellen abgerieben, und am Morgen musste er zur Arbeit fähig sein. Das Bild des schmerzhaften Bartosik geht hinter mir schon so viele Jahre. Dieses Bild kann man nicht wegwischen. Sehr oft im Schlaf kommt das schmerzhafte Gesicht des Kollegen, ich bete für ihn, denn wahrscheinlich ist er nach Hause nicht zurückgekehrt. Er hatte doch kranke Nieren! Jetzt hat er sie noch schmerzhafter gefühlt. Arm ist dieser Bartosik. Das Bild dieses Menschen hat bei mir einen Nervenschock hervorgerufen. Anfangs habe ich aufgehört zu rauchen. Aber wenn die Angst vorbei war, habe ich immer aufgepasst, dass keine Bröckchen Tabak zu finden waren.

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